Buddhismus ist nicht blosser Verzicht …

Zu den bekannten fernöstlichen Weisheiten gehört der Buddhismus, der von dem Franzosen Matthieu Ricard seit rund vierzig Jahren studiert wird. Er wurde zum Grenzgänger zwischen Okzident und Orient.

Der Regisseur Jeanne Mascolo de Filippis hat eine Dokumentation über diese bekannte französische Persönlichkeit geschaffen, die mit den Worten beginnt: „Nächstenliebe beginnt damit, dass man seinen Mitmenschen Wert beimisst und sich anderen gegenüber offen, achtsam und aufmerksam zeigt …“.

Denn der renommierte Wissenschaftler Ricard ist als Kenner des Buddhismus anerkannt und außerdem ein tibetanischer Mönch. Er schreibt Texte über den Buddhismus und die Meditation, und ist als Dolmetscher für den Dalai Lama tätig. Zudem arbeitet er erfolgreich als Fotograf und organisiert sehr erfolgreich für verschiedene Hilfsorganisationen.

1946 als Sohn eines Philosophen und einer Künstlerin in Frankreich geboren, wuchs er in einem intellektuellen Umfeld auf und studierte Molekularbiologie, wobei er anschließend in Zellulargenetik promovierte.

Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Der junge Mann fühlte sich in seinem Beruf jedoch nicht vollkommen wohl. Das Problem, wie das menschliche Potenzial am besten zu nutzen sei, beschäftigte ihn weiterhin. Auch das Gefühl der Erfüllung wollte er erreichen und machte sich so auf die Suche nach dem Sinn des Lebens. 1967 kam dann nach eigenen Angaben die Zeit der Wende im Leben des jungen Mannes: die Spiritualität, mit der er durch die Mutter in Berührung kam, faszinierte ihn. Seine Mutter war eine Zeit lang in Indien gewesen und hatte sich dem Buddhismus gewidmet – so kam er zu dieser Glaubensrichtung.

Er hielt sich schließlich in der Region des Himalaja-Gebirges auf und lernte einige bedeutende Menschen kennen, die nach tibetanischer Tradition lebten und lehrten. So zum Beispiel Kangyur Rinpoche, nach dessen Tod er sich besonders intensiv mit ihm und dem Buddhismus verbunden fühlte. 12 Jahre lang war er dessen Assistent gewesen, während er für das Kloster arbeitete.

Seine wahre Aufgabe

Seine Bestimmung zu finden, ist nicht jedem Menschen vergönnt. 1989 aber lernte Ricard den Dalai Lama kennen und übersetzte für diesen, während er in Frankreich weilte. Der höchste Würdenträger des Buddhismus, der als weltweites Vorbild für Moral gilt, wird seither bei vielen Gelegenheiten von Ricard unterstützt. Dieser schätzt nach eigenen Angaben am Dalai Lama besonders, dass er weder unhaltbare Versprechungen abgibt, noch rätselhafte Erklärungen.

Außerdem soll kein Gegensatz zwischen Buddhismus und Christentum vertieft, sondern in Zusammenhang mit moderner Wissenschaft Brücken geschlagen werden. Medizin und Naturwissenschaften sind solche Bereiche, in denen auch mit Meditation Erfolge möglich sein sollen. Im US-Bundesstaat Colorado wurde das „Mind and Life Institute“ ins Leben gerufen, das den Dialog zwischen Wissenschaft und Buddhismus fördern will, und so neue Erkenntnisse anstrebt. Auch Psychologen und Neurologen forschen dort, um den Zusammenhang zwischen Körper und Geist weiter zu klären.

Soziale Arbeit

Ein Dialog zwischen Ricard und seinem Vater ist bekannt: Dieser als bekennender Agnostiker hatte die Frage aufgeworfen, warum der Buddhismus im Westen der Welt immer bekannter wird, und welche Defizite dadurch versucht würden auszugleichen. 1999 entstand aus dem Gedankenaustausch zwischen Vater und Sohn ein Buch namens „Der Mönch und der Philosoph“, worin es um Perspektiven von Buddhismus und westlicher Welt geht und deren Gemeinsamkeiten. Am Ende steht die Aussage, dass die moderne westliche Philosophie kompliziert sei und den Menschen keine umfassenden und befriedigenden Antworten geben könne.

Weitere Bücher Ricards mit diversen Co-Autoren sind:

„Das Licht Tibets. Leben und Welt des spirituellen Meisters Khyentse Rimpoche“ von 1989,

„Quantum und Lotus“, 2001

„Glück“, aus dem Jahr 2007

„Hirnforschung und Meditation“ (2008), sowie

„Meditation“ von 2009 und die Bildbände

„The Spirit of Tibet“ (2000) und

„Buddhismus im Himalaja“ aus dem Jahr 2002 und

„Tibet. Mit den Augen der Liebe“ von 2006.

Heute lebt der Franzose in Nepal, im Kloster Shechen. Ihm ist nach wie vor die Nächstenliebe wichtig, und das nicht nur privat. Er selbst sagt dazu: „Buddhismus ist nicht blinder Verzicht, sondern eine Vermeidung der Ursachen des Leids. Egoismus ist eine der fundamentalen Ursachen des Leids – und Nächstenliebe eine wunderbare Methode, es zu vermeiden! Altruismus muss ein Teil der Wirtschaft werden und auch dort den Egoismus ablösen. Nur mit Einbeziehung der Wirtschaft ist auch eine altruistische Gesellschaft möglich.“

Von ihm ins Leben gerufen wurde die Organisation „Karuna Shechen“, die sich um humanitäre Projekte in Tibet und im Gebiet des Himalajas kümmert. Er lebt seit vier Jahrzehnten in der Region und spricht die Sprache der Einheimischen. So kann er vor Ort gezielt helfen.