Kann eine Fernbeziehung überhaupt funktionieren?

Das fragen sich wohl ebenso viele betroffene wie außenstehende Paare. Eine große Liebe kann auch über lange Zeit ohne räumliche Nähe auskommen – doch wie viel Abstand verträgt der Alltag?
Die allermeisten Paare trenne sich täglich – für die Zeit, in der sie einer Arbeit nachgehen. Doch eigentlich gehört es zum üblichen Familienmodell, dass alle am Abend in die gemeinsame Wohnung zurückkehren. Ausnahmen wie Dienstreisen und Co sind selbstverständlich. Doch was ist, wenn die ganze Partnerschaft nur eine einzige Abfolge von Trennungen und Wiedersehen ist? Meist ist es der Beruf, der zu einer solchen Lebensweise zwingt. Schlimm ist dies vor allem für Paare, die zuvor ganz klassisch zusammengewohnt haben und sich dann plötzlich auf diese Veränderung einstellen müssen. Einfacher ist es für diejenigen, die sich kennenlernen und eine Fernbeziehung führen, weil aus praktischen Erwägungen ein Zusammenziehen (noch) nicht in Frage kommt.

Der tägliche Kampf mit dem Alltag

Ungefähr 13 % der Deutschen sollen es sein, die laut einer Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung eine Fernbeziehung führen. Doch wesentlich geringer ist die Zahl derer, die dies freiwillig tun. Rund 4 % gerade einmal – alle anderen sind ungewollt in diese Situation geraten. Außerdem lässt sich belegen: die Zahl derer, die nicht durch den Beruf getrennt werden, sondern durch das Internet zusammenkommen und dann weit voneinander entfernt wohnen, wird immer größer.

Für all jene, die die klassische Partnerschaft gewöhnt sind, gehen diesem Schritt oft lange Diskussionen voraus. Es wird das Für und Wider abgewogen; und oft bleibt keine Alternative zu diesem Schritt, und sei es auch „nur“ die Sicherung des Familieneinkommens. Die Umstellung ist hart: das tägliche Zusammenleben fällt weg, viel Freizeit muss allein verbracht werden, meist bekommen Freundschaften dann wieder einen neuen Stellenwert, die während der Partnerschaft vernachlässigt wurden.

Dass das Zusammenleben nur noch am Telefon oder per Mail stattfindet, ist eine Umstellung, mit der man erst einmal klar kommen muss. Zärtlichkeiten und jede Art von Erotik kann nicht mehr spontan sein; mit dem anderen persönlich zu sprechen, muss auf das nächste Wiedersehen verschoben werden. Allerdings – dank Handy und Co sind die Möglichkeiten (bis hin zum Schicken von Fotos), wesentlich besser geworden. Noch vor 20 Jahren hatten es betroffene Paare sehr viel schwieriger.

Im Gespräch bleiben ist wichtig

Der Alltag ist plötzlich nicht mehr dasselbe. Jeder hat eigene Erlebnisse und das nicht nur im Beruf. Auch die Freundeskreise sind nicht mehr gleich und so ist die Gefahr groß, dass jeder mehr oder weniger ein eigenes Leben führt. Wer das Getrenntsein länger ertragen muss, riskiert, dass sich beide Partner verschieden entwickeln. Das ist nicht beabsichtigt, kommt aber häufig vor. Beim Wiedersehen dann fällt dies dem jeweils anderen auf – und wird oft negativ bewertet.

Eine intensive Kommunikation während der Trennung ist daher unbedingt wichtig. Denn die Gemeinsamkeit kann ein Stück weit gerettet werden, wenn man den anderen so gut als möglich an seinem Leben teilhaben lässt, und ihm auch scheinbare Kleinigkeiten mitteilt. Begebenheiten aus der Nachbarschaft oder dem Freundeskreis sind nicht unbedingt wichtig. Aber sie sorgen dafür, dass der abwesende Partner sich nicht ausgeschlossen fühlt und immer noch am gemeinsamen Leben teilhat, auch wenn er unterwegs ist.

Gemeinsame Rituale können zudem helfen, das aneinander gewöhnen zu erleichtern. Was man bei Kindern als „fremdeln“ kennt, kann auch Erwachsene treffen: Man freut sich unheimlich auf das Wiedersehen und stellt dann fest, dass die gewohnte Vertrautheit fehlt. Wer sich zum Beispiel den ersten Abend als Paar freihält, ohne Kinder und Familie oder Freunde, der kann es schneller schaffen, die Gewohnheit wieder herzustellen.

Vertrauen ist dabei eine Grundvoraussetzung. Um das sich wieder aneinander gewöhnen zuzulassen, braucht es Vertrauen und den Willen von beiden, die Trennung so schnell als möglich vergessen zu lassen. Experten behaupten, dass die Eingewöhnungsphase so lange dauert, wie die Trennungsphase war. Das muss aber nicht sein, denn für die vielen Paare, die sich nur am Wochenende sehen können, wäre das auch schlimm. Vor allem braucht der Partner Verständnis, der zu Hause ist. Denn er hat den Vorteil, die ganze Zeit über die vertraute Umgebung zu haben. Der andere jedoch kommt nach Hause und empfindet selbst die Wohnung im ersten Moment als fremd.

Treue und Vertrauen sind wichtig

Die Treue dürfte eines der Hauptprobleme in einer Fernbeziehung sein. Keiner soll in der Zeit der Trennung allein zu Hause sitzen. Doch geht man allein oder mit Freunden aus, ist die Versuchung groß, dem ein oder anderen Reiz zu verfallen. Schließlich ist man sozusagen als Single unterwegs und nicht mehr als Paar. Aber eines sollte man gar nicht erst versuchen: den anderen zu überwachen. Denn ob begründet oder nicht: dieses fehlende Vertrauen macht jede Liebe über Kurz oder Lang kaputt. Es sollte daher keiner versäumen dem anderen zu zeigen, dass es keinen Grund zur Eifersucht gibt.

Die Vorteile sehen…

… das ist leichter gesagt als getan. Doch viele Paare, die eine Wochenendbeziehung führen, bestätigen, dass die Enthaltsamkeit über die Woche ein intensiveres Zusammenleben am Wochenende bedingt. Man freut sich wieder aufeinander und nimmt die Anwesenheit des Partners nicht mehr so selbstverständlich hin. Manche machen sich wieder bewusst für den Partner schön und auch die Sexualität ist wieder eher so, wie am Anfang der Beziehung. Denn die Gewohnheit und Vertrautheit im Alltag ist einesteils schön, kann aber andererseits auch dazu führen, dass man sich nichts mehr zu sagen hat. Dieses Problem haben getrennte Paare nicht – oft reicht die gemeinsame Zeit kaum aus, um das Wichtigste zu besprechen. Ganz wichtig aber ist, die Zeit des Wiedersehens nicht nur mit Problemen und Alltagssorgen zu verbringen, sondern sich ganz bewusst Zeit zu zweit zu nehmen oder für die Familie. Gemeinsame Ausflüge oder ein paar Stunden zusammen im Garten sind da schon hilfreich, damit schöne Erlebnisse die nächste Trennung erträglicher machen.